Kommentar: Denkwürdige Geschichtsstunde deutschen Asylversagens bei der Kundgebung „Leyla und Meryem bleiben“ am Kasseler Rathaus.

Leyla Lacin erzählt, wie ihre Familie 30 Jahre lang Opfer der Ausgrenzung durch deutsche Asylpolitik wurde. (Foto: Jaded Eternalbliss)

Leyla und Meryem gehören zu Deutschland und insbesondere Kassel. Leyla Lacin ist ein wichtiger Pfeiler für die Kasseler Pflege und ein integrierter Teil unserer Stadt. So sehen es 2700 Unterzeichner der Petition „Leyla und Meryem“ bleiben, ihre Kolleginnen und Kollegen des Fab Kassel e. V. und der für einen Montagnachmittag gut gefüllte Rathausplatz aus Unterstützern, Studenten und spontan Interessierten.

„Keine Kurdin, keine Deutsche“?

Die Familie Lacin ist vor 30 Jahren, 1988, aus der Türkei geflohen. Dem Ort, dem man selbst bis in die heutige Zeit noch kaum zu bescheinigen vermag, dass viele Kurden sich dort als Menschen, geschweige denn als Kurden verwirklichen. In der Folge gelangen Leyla und ihre Eltern nach Bayreuth. Dort ist nicht viel zu spüren von den Menschenrechten, die in Deutschland doch so großgeschrieben werden. Sie sei keine Kurdin, ja – Kurdistan ein Produkt der Fantasie. Türken seien sie, also wurde Leylas Vater für die basalsten, angeblich selbstverständlichsten Grundrechte angewiesen, erst das türkische Konsulat anzufragen (und türkische Pässe zu beantragen!) Welch ein Schlag ins Gesicht so eine Politik für Kurden noch heute sein muss, braucht schwerlich erwähnt zu werden. Und dennoch können wir uns davon wohl kaum eine nur vage Vorstellung machen.

Irgendwo zwischen Bayreuth, Bamberg und Kassel ging die Menschlichkeit verloren

Oberfränkische Behörden sehen Leyla und ihre schwerkranke Mutter Meryem nach 30 Jahren in Deutschland immer noch als Asylsuchende, als Flüchtlinge, als Menschen ohne Menschenrechte, Selbstverwirklichung oder Identität. Mal fühlt sich niemand verantwortlich, mal alle gleichzeitig. Alle Versuche führten bisher bestenfalls zu kurzfristigen Papieren. Der schlechteste Fall hängt jetzt über Leyla. Ihre Mutter hat fünf Herzinfarkte und zwei Schlaganfälle dank starkem Willen überlebt und wurde mangels Papieren und einer richtigen Versicherung bei mindestens zwei dieser Herzinfarkte lediglich zu Hause gepflegt und nicht richtig behandelt. Allein in Kassel hat Leyla zehn Jahre lang gearbeitet und Steuern gezahlt. 30 Jahre Integration in Deutschland schützen sie nicht davor, dass Zoll und Kasseler Ausländerbehörden ihrer Pflegeeinrichtung die Pistole auf die Brust setzen. Leyla soll gekündigt werden, sie und ihre Mutter ausgewiesen, denn auch unsere Stadt sieht zwar die prekäre Lage der Kurdinnen, sei aber nicht in der Verantwortung. Leben und Selbstverwirklichung unerwünscht in einem Land, in einer Stadt, die sich die Unsterblichkeit der Menschenwürde auf die Fahne schreibt!

Die letzte Hoffnung

Eine Stadt wie Kassel, die sich als bunt, sozial ausgerichtet und menschlich begreift, kann nicht zum Interesse haben, integrierte, klar zur Stadt gehörende Menschen ständig vor Gericht zu zerren, ständig im Kampf gegen Unsicherheiten. Stets ist dort die Angst und das Gefühl, kaum ein menschliches Wesen zu sein. Wenn nicht die Menschenwürde – allein schon die derzeitige Pandemie wäre Grund genug, nicht auf eine engagierte Pflegerin und mindestens fünf Jahre als Steuerzahlerin zu verzichten. Die Hoffnung der Initiative „Leyla und Meryem bleiben“ liegt auf Sozialbürgermeisterin Ilona Friedrich und dem Leiter der Ausländerbehörde Norbert Strauch. Diese täten gut daran, alles in ihrer Macht Stehende für einen würdigen Abschluss der Geschichte von Leyla und Meryem in Bewegung zu setzen. Die Kurdinnen und andere Fälle wie sie benötigen endlich feste Papiere, und wenn es noch so lange Gespräche mit Bayreuth erfordern mag. Hier kann und muss sich Kassel als die Stadt der Toleranz und Offenheit präsentieren, als die es sich so gern öffentlich präsentiert. Dies ist eine historische Chance und absolute Notwendigkeit, nicht nur auf dem Papier zu behaupten, man trete geschlossen Ausgrenzung und Rassismus entgegen! Seebrücke e. V. und die zur Kundgebung verhinderten Vertreter der ver.di treten ebenfalls für Meryem und Leyla ein und sehen den Fall als eindringliches Zeugnis für die Wichtigkeit der Seenotrettung und die anhaltende Illegalität von Menschen, die bereits durch Armut, Krieg und Elend genug zu leiden hätten.

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